Interview mit "The Sinners"

Samstag, 2. September 2006

Konzert-Junkies.de: Könnt ihr kurz zusammenfassen wie ich euch gefunden habt und wie ihr zu eurem Namen gekommen seid?

Andreas: Der Name The Sinners ist uns eigentlich nicht eingefallen, wir haben keinen Namen gefunden und haben dann gedacht, wir nehmen einen der gar nicht zu uns passt. Das hab ich jetzt mal so erfunden. (lacht)

Tino: Andreas und ich haben vorher in einer anderen Band gespielt und da gab es immer so viel Zoff, dass wir irgendwann gesagt haben, es hat keinen Sinn mehr. Vorher hatte Matthias einmal ausgeholfen, das war so ein ganz tolles Ding, unser Gitarrist hat ihm erstmal gesagt was er alles können muss und da wollte er schon wieder fahren. Er meinte dann danach, falls wir mal einen Schlagzeuger brauchen, sollen wir ihn einfach anrufen. Dann kam es so, dass wir mit den Skyriders aufgehört haben und Matthias mit den Hipjacks.

A.: Geprobt haben wir dann in so einer Art unterirdischen Gewölbe, wo Junkies sich in den Gängen quasi gedrängt haben, das war unser erster Proberaum, der war echt grauenhaft und den Kopf hab ich mir auch immer gestoßen.

K.-J.: Welche Künstler beeinflussen euch denn musikalisch so?

T.: Mich inspiriert Eddie Cochran, den finde ich gut. Die Ärzte inspirieren auch. Die Ärzte sind ja, was viele nicht wissen, das deutschen Pendant zu den Stray Cats. Und was Texte angeht, lehne ich mich vor allem an das an, was mir selbst gefällt.

Matthias: Also ich fand die Jets sehr inspirierend, die habe ich auf dem Alstervergnügen live gesehen und fand die echt gut.

A.: Beeinflusst hat mich früher Buddy Holly, muss ich ganz ehrlich gestehen, aber auch die Stray Cats und viele Bands aus den 80ern. Vom musikalischen her bin ich recht offen, ich höre auch viel Blues und teilweise Jazz, ich finde zum Beispiel Billie Holiday sehr gut, also viel aus dem Bereich der 30er, 40er und 50er Jahre.

K.-J.: Gibt es Konflikte zwischen eurem jetzigen Berufsleben und den Live-Auftritten?

M.: Also bei mir nicht, da ich ja selbstständig bin, kann ich mir das selbst relativ gut einteilen, das ist also alles recht locker.

T.: Bei mir auch nicht, das ließ sich immer alles gut planen.

K.-J.: Und wie oft trefft ihr euch dann so zum Proben?

A.: Einmal die Woche, immer Montag abends.

M.: Manchmal müssen wir natürlich auch Überstunden einschieben, wenn wir wie jetzt z.B. Fotos aussuchen, die von uns gemacht wurden.

T.: Eigentlich haben wir zwei Probentermine, die nehmen wir immer dann wahr, wenn wir üben müssen, zum Beispiel für eine neue CD-Produktion. In dem Proberaum, wo wir sind, proben insgesamt vier oder fünf Bands und da gibt es dann natürlich feste Termine, deshalb nehmen wir den Montag immer wahr.

K.-J.: Würdet ihr denn gerne Berufsmusiker sein?

A.: Nee, eigentlich nicht.

M.: Also der Gedanke kam mal so vor 6 oder 7 Jahren auf, aber es ist ja doch harte Arbeit.

A.: Man müsste dann ja auch jedes Ding annehmen, ob man da nun Bock drauf hat oder nicht, und da hätte ich gar keine Lust zu.

M.: So wie es jetzt ist, ist es ok.

K.-J.: Welches waren denn bisher so eure Konzerthighlights? Gab es irgendwas, das für euch perfekt war?

T.: Ja. Das tollste war für mich, als wir mit den Comets zusammen gespielt haben. Da waren wirklich nur Legenden auf der Bühne und irgendwann hat der Bassist angesagt, wir spielen jetzt einen Song, wo wir alle nicht wussten, dass er ein Welthit wird, den man heute noch überall hört, und dann kam Rock around the Clock, der Song war 50 Jahre alt, der älteste der Band war 84, und die haben das so super gespielt, das war einfach klasse. Mit Torfrock war es auch gut, oder auch damals mit Chuck Berry und Jerry Lee Lewis, das waren so für mich die wesentlichen Highlights.

M.: Ich fand Torfrock auch gut. Da wird zur Bagaluten-Wiehnacht die ganze Alsterdorfer Sporthalle mit Gummi ausgelegt, weil das Publikum sich dort immer drei Bier kauft, nämlich eins zum trinken und zwei zum schmeißen, die sind echt lebensmüde da. (lacht) Und wenn du dann anfängst, fliegen die ganzen Biere auf dich zu.

T.: Ich weiß noch, als wir da als Vorband gespielt haben, ich habe mit den ersten Tönen angefangen, und sah nur diese Menschenmenge nach vorne drängen und die Biere kamen auf mich zu. Als es dann richtig los ging, war die Party auch gut, aber das war ein Riesengefühl mit so ungefähr 2000 Leuten. Das ganze ist einfach Kult und findet dieses Jahr am 22. Dezember statt.

K.-J.: Gab es denn auch irgendwie ein Konzert, dass für euch das totale Desaster war?

M.: Wir haben mal in Henstedt-Ulzburg gespielt, das fand ich ganz schlimm. Da waren zwei Typen, und die waren auch noch stinkbesoffen und haben immer „Stray Cats“ gebrüllt.

A.: Es gibt halt gute Stadtfeste, so wie hier, muss man ganz ehrlich sagen, und so grauenhafte in bestimmten Stadtteilen, wo wirklich ganz schräges Publikum da ist. Da macht es dann auch keinen Spaß zu spielen, wo man manchmal aufpassen muss, dass man sich nicht mit irgendwas infiziert. (lacht) So mit Schaben oder Läusen oder so.

M.: In Billstedt haben wir immer gespielt, da war eine Frau, die hatte die Leggins bis unter die Achseln hochgezogen, da hast du die Cellulite schon durch die Leggins gesehen und die war auch noch voll wie ein Amtmann ...

T.: ... warum sagst du immer Amtmann? Ich war mal Amtmann! (lacht)

M.: ... das war um 15 Uhr und die rief an der Bühne immer „Rock'n'Roll“!

A.: Das wird alles aufgeschrieben, 'ne?

M.: Ich weiß!

T.: Ich hatte mal ein ganz schlimmes Erlebnis, das muss man mal erlebt haben. Wir haben damals in der Markthalle als Vorband für Johnny Winter gespielt. Die Markthalle war ausverkauft, es war gerammelt voll. Ein Drittel der Leute fanden das wohl ganz in Ordnung, was wir da machen, aber zwei Drittel wollten, dass wir sofort aufhören. Die haben dann gepfiffen, es flogen Flachmänner und Flaschen Richtung Bühne. Der Gitarrist, den wir damals hatten, Lutz, stand einen Meter hinter mir und meinte wir sollen sofort aufhören. Vorne hat auch noch einer aus der Monitorbox das Kabel raus gerissen und hat „Hört sofort auf!“ gebrüllt. Dann kam der Tontechniker, barfuß, mit zerlumpten Jeans, und hat diesen Typen in Ledersachen hochgezogen, mit der Hand ausgeholt und hat ihm einmal ins Gesicht geschlagen und gesagt „Jetzt ist Schluss.“. Da standen die Typen dann ganz brav vorne. Also das war ein Gefühl, als zwei Drittel von so vielen Leuten einen ausgebuht haben, dass ich danach gesagt habe, ich vergrabe mich und spiele nie wieder.

K.-J.: Habt ihr denn heute auch noch manchmal Lampenfieber vor euren Auftritten?

T.: Lampenfieber nicht so, ich bin manchmal schon ein bisschen nervös, aber sonst eigentlich nicht.

M.: Bei mir kommt es drauf an wer so da ist, z.B. die Familie oder so, und auch auf die Größenordnung. Man merkt mir das auch an, wenn ich nervös bin, fange ich immer an, am Mikro herum zu fummeln.

A.: Ein bisschen Lampenfieber hat man natürlich schon, aber das ist ja auch nicht schlecht. Sollte man ja auch haben, das ist ja ein Zeichen dafür, dass man das ernst nimmt.

M.: Das fand ich jetzt aber schön, was du gesagt hast.

A.: (lacht) Ja da hab ich auch lange dran gearbeitet.

K.-J.: Wenn ihr euch unter allen Musikern jemanden aussuchen könntet, mit dem ihr zusammen arbeiten dürftet, wen würdet ihr wählen?

M.: Ich würde Bon Jovi nehmen.

T.: Ich würde gerne mal mit Bryan Adams spielen.

A.: Ich fände ja den Brian Setzer nicht schlecht.

T.: Der ist zu gut. Mal kennen lernen ja, aber Musik machen mit dem würde ich nicht. Da würde ich dann lieber nur zugucken und mich gar nicht einmischen.

K.-J.: Was hört ihr denn privat so für Musik, gibt es auch Musik aus den Charts, die ihr so mögt oder nur eure All-Time-Favourites?

A.: Ich höre relativ viel, ich würde auch Hip Hop hören, wenn ich die Sachen, die die anhaben, nicht so albern finden würde (lacht). Aber ich würde das dann auch nicht kaufen. Also da höre ich dann doch lieber Sachen aus den 30er, 40er, 50er und 60er Jahren, oder noch älter oder auch mal Klassik, warum nicht. Was ich ganz grauenhaft finde ist Schlager, ich könnte kotzen bei Schlagern. Wolfgang Petry und alles was dazu gehört, grauenhaft! Udo Jürgens ist auch ganz schlimm.

K.-J.: Das war ja auch echt eine fürchterliche Zeit, als plötzlich überall diese Schlagerparties waren ...

A.: ... ja ja.

M.: Also ich hör eigentlich alles, ich hab sogar mal in einer Schlagerband gespielt. Man muss sich ja über eines auch klar werden, gerade wenn man so etwas spielt, abends um 20 Uhr auf einem Stadtfest, was läuft denn da für Musik? Da läuft Top 40 und da läuft Schlager, und das jetzt nicht, weil die Musiker alle die Koriphäen sind, sondern weil man das gut verkaufen kann und die Leute dabei trinken und so. Aber davon mal ab höre ich eigentlich alles, hauptsache die Leute haben Spaß dabei, dann ist das auch ok. Ich fand sogar Howard Carpendale ganz gut, da hab ich auch kein Problem mit. Ich hab ja auch damals gesagt, ich hab die Bravo gelesen, wo alle gesagt haben, ich hab sie nicht und hatten sie dann doch.

A.: Ich hatte die auch.

T.: Also was mich sehr geprägt hat war die Neue Deutsche Welle. Ich finde es auch schade, dass wenig deutschsprachiges da ist, ich habe selbst auch ein deutsches Lied geschrieben, das ist jetzt auch schon 20 Jahre alt. Wenn ich mir so die Neue Deutsche Welle anhöre, dann ist da vieles dabei, was ich klasse finde, was einfach typisch deutsch ist, aber auch abgehoben von den Schlagern. Schlager waren auch etwas wo ich gesagt habe, was Mama und Papa hören, will ich nicht unbedingt mehr hören. Mein Vater ist ein bekennender Udo Jürgens Fan ...

M.: ... der ist doch ein guter Musiker ...

A.: ... aber hast du die Nase mal gesehen?

M.: Ich hab bei den deutschen Sachen immer nur die Hälfte verstanden. Kennt ihr zum Beispiel das Lied „Ich möchte ein Eisbär sein am kalten Polar...“, da hab ich immer verstanden: „ich möchte ein Eisbär sein in kalter Cola“ und ich war dann auf einer Party und singe das, bis irgendwann mal jemand zu mir sagt: Was singst du denn da eigentlich? Und dann gibt es da noch dieses Lied (singt) „ich brauche keine weichen Daunen“, ein Bett im Kornfeld, und ich hab immer gedacht „ ich brauche keinen weichen Daumen“ und denk immer, ob der per Anhalter fahren will ...

T.: Was mich zum Beispiel interessiert hat waren Peter Schilling oder Joachim Witt, wenn ich all diese Hintergründe sehe, was da in den Texten drin war und was die auf den LPs geschrieben haben, ist es erschreckend, was davon alles wirklich eingetroffen ist. Wenn Peter Schilling zum Beispiel über die Katastrophen gesprochen hat und auch in seinen Liedern dargestellt hat, dass sich die ganze Atmosphäre verändern wird, da sind wir jetzt. Und wenn ich dann überlege, was der da zusammen gesponnen hat, das fand ich gut.

A.: Ich hab immer so Phasen, wo ich dann extrem eine Sache höre. Also zum Beispiel habe ich mal, das ist schon 7 oder 8 Jahre her, nur Comedian Harmonists gehört, rauf und runter. Und dann Max Raabe und dann wieder völlig andere Sachen. Nur Johnny Cash oder nur Stray Cats. Das mach ich dann bis zum Umfallen und dann kommt das nächste.

K.-J.: Wart ihr denn schon mal richtig Fan von jemandem, habt Poster aufgehängt und wolltet die gleich Frisur haben und so?

M.: Ich nicht.

T.: Nö.

M.: Ich hab auch nie Poster aufgehängt.

A.: Ich hatte schon ein Elvis-Poster.

M.: Du hattest so einen lebensgroßen Schnitt.

A.: Naja doch, so Poster hab ich schon gehabt, aber das ist auch schon lange her.

K.-J.: Wann habt ihr denn angefangen, eure Instrumente zu lernen?

A.: Mit 15.

M.: Ich habe mit 13 angefangen.

T.: Ich mit 8.

K.-J.: Und könnt ihr auch noch mehrere Instrumente?

T.: Also richtig spielen nur das eine, also Gitarre. Bass noch, ich hab damals in einer anderen Band auch ein bisschen Bass gespielt und einen geraden Rhythmus einigermaßen halten kriege ich noch hin, aber es wäre jetzt anmaßend zu sagen, ich spiele Schlagzeug. Mundharmonika habe ich noch ein bisschen geübt.

M.: Ich bin in Wirklichkeit ein ganz toller Gitarrist...nee quatsch (lacht) Ich kann nur Schlagzeug, und das auch nur aus Zufall.

A.: Ich spiele auch nur Bass und das langt mir auch, da hat man schon genug zu tun. Die Stimme ist ja, das vergisst man ja immer, auch ein Instrument. Das sehe ich dann auch als Instrument.

K.-J.: Was wünscht ihr euch denn für eure musikalische Zukunft?

alle: Mehr Geld. (lachen)

A.: Dass man nicht stehen bleibt. Wir sind natürlich schon musikalisch auf eine Richtung festgelegt, aber ich finde es einfach wichtig, dass man immer offen bleibt für neue Sachen und nicht so festgefahren ist und nur stumpfen Rockabilly macht.

M.: Ja, was wünsche ich mir, das ist eine gute Frage. Also wir haben gerade letztens noch darüber geredet, ob ich es mir vorstellen könnte, noch mit 60 noch irgendwo in so einer Hotelempfangshalle Musik zu machen. Aber ich könnte mir das wirklich vorstellen. Nach 13 Jahren, das schaffen ja wenig Newcomer-Bands, machen wir immer noch was. Wir machen noch CDs, Plakate, es passiert noch was. Ich hab schon mit Leuten gespielt, da kriegt man bloß ein Infoblatt, das ist dann so ein Din A4 Zettel. Wir bemühen uns, noch richtig schön was zu machen. Ob das wirklich schön ist, ist ja eine andere Frage. Aber wir setzen uns zusammen, proben immer noch, das machen auch ganz wenige. Das macht einfach Spaß. Und wenn es so bleibt, bin ich zufrieden.

T.: Nach dem vorletzten Wochenende in Dortmund haben wir uns mal kurz unterhalten, wie wir so die anderen Bands sahen. Für uns war es seit langem mal wieder eine reine Rock'n'Roll Veranstaltung und ich muss leider gestehen, dass das reine Rock'n'Roll Publikum nicht mein Publikum ist. Das macht einfach keinen Spaß. Den Leuten hat es zwar gefallen, aber ich weiß noch damals, als wir im Logo gespielt haben oder auch im Knust, die haben die Hände in den Taschen und tippen mit dem Fuß und wackeln mit dem Kopf und hinterher sagen sie dann „War ja echt geil heute, war 'ne super Party!“ Da habe ich so Stadtfeste lieber, wo wirklich gemischtes Publikum ist, jung und alt, ganz stinknormal und wo ich dann sehe, dass die Leute Spaß haben. Und ich denke mal das ist für mich ein Fokus zu sagen, so lange andere Lust haben, unsere Musik zu hören, so lange möchte ich Musik machen. Das bedeutet auch, nicht stehen zu bleiben und dem Publikum auch mal ein paar neue Songs zu bieten. Das ist auch unser Ruf, den wir genießen, wir haben als so ziemlich einzige Band regelmäßig neue Songs im Repertoire, im Vergleich zu anderen Bands, die nur einen Auftritt nach dem anderen abreißen und dann ist man da, was Andreas sagte, dann bleibt man stehen. So wie Franny and the Fireballs, wenn die gespielt haben, konnte man wirklich nach 2 oder 3 Jahren hingehen und wusste genau, was die spielen. Da war nichts neues, das fand ich furchtbar.

K.-J.: Das wars dann auch schon. Wir danken euch im Namen aller Konzert-Junkies für das Interview!